
Im
Land des Hechelns
(27.09.2005 )
Wie
Calixto Bieito an der Komischen Oper Berlin Puccinis „Madame
Butterfly“ verkauft
Von Jörg
Königsdorf
Leutnant Pinkerton trägt einen Slip. Senffarbenes Lycra, knapp
geschnitten. Das Textil leuchtet immer dann keck hervor, wenn die
Umstände eigentlich nackte Tatsachen erfordern: Beim Blow-Job etwa,
den sich der propere Sextourist gleich anfangs von Fräulein Suzuki
besorgen lässt. Und natürlich auch bei der umfassenden
Spezialbehandlung, die ihm Suzukis Kollegin Butterfly zum
orgiastischen Liebesduett verpasst, mit dem Giacomo Puccini den
ersten Akt seiner Geisha-Oper enden lässt.
Die
paar Quadratzentimeter Stoff seien dem ausführenden Operntenor von
Herzen gegönnt. Gleichwohl stehen sie deutlicher als jedes andere
Detail für das, was an Calixto Bieitos „Butterfly“ nicht stimmt. Für
das, was sie von der verstörenden, bestürzenden Inszenierung von
Mozarts „Entführung aus dem Serail“ unterscheidet, mit der der
Katalane vor gut einem Jahr Berlins Komische Oper in ihren
Grundfesten erschütterte. Damals hatte Bieito tatsächlich
schonungslos sein Theater der zwischenmenschlichen Grausamkeit auf
die Bühne gebracht, Martern aller Arten, nackte Menschen und nackte
Seelen gezeigt – und damit tatsächlich einen Nerv von Mozarts Musik
getroffen: Die in aller Schönheit qualvolle Einsicht, dass zwischen
Männern und Frauen auf Erden kein wirkliches Glück möglich ist. Dass
der blinde Geschlechtstrieb des Mannes die Wurzel alles Bösen ist.
Eine Botschaft, für deren Vermittlung sich auf den ersten Blick kein
anderes Werk der Opernliteratur so gut eignet „Madame Butterfly“.
Denn in der tragischen Geschichte von der 15-jährigen Japanerin
Cho-Cho-San, die ihr Herz an einen amerikanischen Offizier verliert,
tut die zarte Titelheldin über zweieinhalb Stunden lang kaum etwas
anderes, als sich hartnäckig an ihren Traum eines besseren Lebens zu
klammern, während sich der Mann umgehend als hoffnungsloser Hallodri
erweist.
Die dicke Zuckerguss-Schicht aus Reispapier-Romantik und
Kimono-Folklore, die sich seit der (noch als anstößig empfundenen)
Uraufführung der „Butterfly“ gelegt hat, sprengt das Bühnenbild von
Alfons Flores freilich schon mit einem Schlag weg: Das Teehäuschen
ist zum quietschbunten Love-Hotel mutiert, statt Kirschbäume stehen
nur mehr bühnenhohe Kunstpalmen herum, aus der immerhin noch
intakten japanischen Gesellschaft ist eine Abraumhalde trostloser
Existenzen geworden.
Roheit regiert, Frauen müssen sich zwangsläufig als Nutten
durchschlagen, weil die Männer allesamt nur Sex im Kopf haben: Vom
Fürsten Yamadori (Günther Neumann) über den amerikanischen Konsul
Sharpless (Tom Erik Lie), der hier nicht liebenswürdiger Onkel,
sondern verschlagener Päderast ist, bis hin zu Pinkerton, der in
seinem unbedarften Egoismus beinahe noch am sympathischsten ist.
Dazwischen die Frauen: Die hilflose Suzuki (Susanne Kreusch) und
Butterfly selbst, für die sich der Traum vom besseren Leben in
Gestalt eines amerikanischen Passes konkretisiert: Am Ende, als sie
das Dokument endlich in Händen hält, wird sie prompt wahnsinnig und
sticht nicht sich selbst, sondern die Freundin ab.
So weit, so blutig – aber leider doch zu banal, um zu erschüttern.
Der Schock weicht bei dieser „Butterfly“ schnell der Erschöpfung: Zu
wenig rückt Bieito diesmal seinen Figuren auf den Leib, zu
vorhersehbar ist die Rollenverteilung, zu läppisch und prätentiös
wirkt die Sexgymnastik, die die mit dieser Aufgabe sichtlich
unglückliche Juliette Lee als Fräulein Schmetterling absolvieren
muss. In seiner „Entführung“ hatte es noch die Hoffnung gegeben,
dass all das Elend vielleicht doch einmal ein Ende haben würde. Und
eben Männer wie Osmin, Belmonte und Pedrillo, die nicht nur brutale,
sondern auch zärtliche, witzige Seiten zeigten, sich sogar mutig –
und Respekt gebietend – entblößten.
Das ist auch deswegen schade, weil Puccinis Musik die Männer eben
doch nicht so einseitig zeigt, wie es Bieito möchte: Das wunderbare
Duett des ersten Aktes zeigt eigentlich, wie in dem Nichtsnutz
Pinkerton denn doch der Beschützerinstinkt erwacht – das emphatische
Aufglühen der Liebe ist nichts anderes als tongewordene
Glückseligkeit, die erst die Fallhöhe für Butterflys Schicksal
schafft. Dass an Stelle der Sehnsucht nach Liebe die Gier nach einem
Pass tritt, entwertet auch Butterfly selbst und ihre heroische
Unbeirrbarkeit: Selbst eine Nummer wie ihr „Un bel di verdremo“, bei
der sich noch in x-beliebigen Provinzaufführungen jedes Herz
zusammenkrampft, verpufft hier in szenischen Mätzchen.
Bieito zieht der Musik den Boden unter den Füßen weg – und weder
Daniel Klajner, der im Graben für effizientes, aber hemdsärmeliges
Spiel sorgt, noch die Butterfly selbst können da gegenhalten. Die
Argentinierin Juliette Lee singt bodenständig und agiert
verständlicherweise befangen – über weite Strecken wirkt ihre
Butterfly einfach ein bisschen doof.
Die muffige deutsche Textfassung von Joachim Herz tut das Ihrige
dazu – wenn man sie denn überhaupt versteht. Und trotz überzeugender
Einzelleistungen wie dem immens einsatzbereiten und stimmlich
auftrumpfenden tenoralen Wonneproppen Pinkerton des Amerikaners Marc
Heller, riecht das alles ein bisschen nach Provokation von
vorgestern. Oder nach Lycra.